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  • Wir müssen das Vertrauen verlernen

    veröffentlicht von Martin Kohlhaas am 09.08.2014 in Kinder, Technik, Überwachung · 4 Kommentare

    Die Annahme, dass Software gut ist und man sie immer folgenlos installieren kann, ist falsch.

    Zwei Anekdoten aus dem Urlaub: Kind 1 versucht seit Tagen seine Musikbibliothek aufzuräumen, Alben zu sortieren usw. (ein Vorhaben, welches ich schon seit längerem Aufgegeben habe) - doch iTunes ist zickig. Benennt man die Dateien auf der Platte um und hat sie dort alle schön geordnet und zieht sie dann wieder ins itunes, dann wird alles wieder geändert (man muss eben wissen um die Hintergründe von id3-Tags vs. Dateinamen und die Konsequenzen, wenn man itunes seine Bibliothek selbst verwalten lässt). Das Vertrauen, das die Software schon im Sinne des Anwenders arbeitet ist eben falsch, da man nicht weiß, was die Entwickler für Anwendungsfälle im Sinn hatten und ob diese mit den eigenen Anwendungsfällen übereinstimmen.

    Anekdote zwei von Kind 2: Es gibt einen Game-Boy-Emulator für iOS, mit dem man Pokemon und Mario Kart und die anderen Klassiker auf dem iPod spielen kann. Die Software gibt es nicht über den offiziellen App-Store, sondern wird über eine Website runtergeladen. Um sie zum Laufen zu bringen, muss man sein Systemdatum zurücksetzen auf irgendwas vor 2012. Daraufhin gehen dann bestimmte Websites nicht mehr (alle mit https-Zertifikaten) und alle Dienste, die an die Apple-ID gekoppelt sind. Auch hier wieder Frust, ewige Fehlersuche (man denkt ja nicht an das Datum) und das Grundproblem, das man auf die Richtigkeit der Anweisungen für die Installation vertraut.

    Jetzt ist es einfach, sich über die Kinder lustig zu machen, doch wie oft hat man selbst schon mal eben schnell eine App installiert, ein kleines Spiel weil es auf twitter jemand gepostet hat – immer ohne die Folgen zu kennen – wir vertrauen einfach darauf, das schon alles gut ist.

    In Zeiten der Totalüberwachung müssen wir aber diesen vertrauensseligen Umgang mit Software ändern. Wir müssen leider grundsätzlich davon ausgehen, dass es eben nicht gut ist, dass wir uns Spähsoftware auf das Gerät laden, dass jedes neue Programm mindestens ein neues Sicherheitsrisiko darstellt.

    Was ist also zu tun?

    • Wir müssen von „EarlyAdoptern“ zu „DoubleCheckern“ werden. Vor der Installation von irgendwas also in die Foren gehen und gucken, ob es dort schon Berichte gibt. Wenn nicht, dann ist es eben zu früh für eine Installation.
    • Wir müssen die Hypes aussitzen lernen, einfach mal ignorieren, was alle toll finden und abwarten. Wir brauchen nicht alles sofort und überall.
    • Wir müssen wieder trennen lernen zwischen tatsächlichen Bedürfnissen an wichtigen, notwendigen Werkzeugen und schneller Triebbefriedigung durch App-Happen.

    Vielleicht ist das Werkzeug-Bild gar nicht so schlecht. Wie in der Werkstatt müssen wir unseren Werkzeugkasten immer mal wieder aufräumen. Was bleibt sind Hammer, Säge, Zange und Zollstock. Auf den bunten Plastekram aus der Krabbelkiste des Baumarktes haben wir als Heimwerker mit Erfahrung ja auch verzichten gelernt.

    Ich glaube, dass dieses Misstrauen gegenüber Software notwendig ist. Ich frage mich, ob es notwendig ist, dieses auf weitere Teile von „Technik“ auszudehnen. Und ich frage mich, was das für Auswirkungen auf das Vertrauen zu Menschen hat.

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