Ich will doch nur spielen

Im Moment beschäftigen mich zwei Bücher: „Netzgemüse“ von Tanja und Johnny Haeusler und „Reality is broken“ von Jane McGonigal. Beide Titel drehen sich um das Thema Spielen.

Netzgemüse und Reality is Broken, Bild: Martin Kohlhaas + 1 Bild
Netzgemüse und Reality is Broken, Bild: Martin Kohlhaas

Reality is broken

Jane McGonigal beschäftigt sich mit der Frage, warum es immer mehr Menschen in Spielwelten zieht. Sie definiert, was ein Spiel ausmacht und stellt verschiedene Spieletypen vor.

Was zieht mich (und offenbar viele andere) lieber in ein Spiel, als meiner Arbeit (im Büro oder im Garten oder im Haushalt) nachzugehen? In den vier Punkten, die ein Spiel definieren (Ziel, Regeln, Feedback-System und Freiwilligkeit) gibt es ein paar Sachen, die sich gut auf meine eigene Erfahrung bzw. die Beobachtungen bei meinen Jungs übertragen lassen. Einer Aufgabe, die ich mir selbst ausgesucht habe, gehe ich viel enthusiastischer nach, als einer Aufgabe, die mir übertragen wird. Bekomme ich Feedback zu Zwischenständen, dann motiviert mich das beim weitermachen. Spielen heißt nicht nur rumdaddeln, (was auch wichtig ist). Oftmals heißt Spielen, sich besonderen Herausforderungen zu stellen, schwierige Rätsel zu lösen (ich erinnere mich noch an die Monate in Myst …) oder besondere Fähigkeiten zu entwickeln (z.B. es die Reaktionsfähigkeit beim Autorennen). All das wird in der Schule im Beruf auch gefordert. Aber eben gefordert und nicht motiviert. Der Ansatz in „Reality is Broken“ ist, zu lernen, was (gute) Spiele ausmacht, und wie man die Mechanismen der Spieleentwicklung auf Aufgaben in der Welt übertragen kann. Der Titel ist von 2011 und einige Sachen scheinen mir z.B. durch die vielen nützlich/spielerischen Apps auf smartphones bereits schon umgesetzt. McGonigal will aber nichts weniger als die Welt retten, indem wir die globalen Aufgaben als ein großes Spiel, eine Riesen Challenge angehen.

„Jane McGonigal: Besser als die Wirklichkeit!“ - das Buch auf Deutsch bei JPC

Netzgemüse

Nach der ganzen Theorie wird es beim Netzgemüse richtig lebensnah. Viele der Beispiele aus dem Familienleben der Haeuslers (2 Jungs, 10 und 13 Jahre) lesen sich wie Mitschriften unseres Alltags (2 Jungs, 11 und 14 Jahre). Das Buch bestätigt mich in eigenen Erfahrungen und Einschätzungen und zeigt, das manches Bauchgefühl bisher ganz gut war. Auf der anderen Seite ist es eine prima Vorlage, um mit den eigenen Eltern über die Mediennutzung der Enkel zu reden und die entsprechenden Argumente schwarz auf weiß bei der Hand zu haben. Nicht zuletzt habe ich nun endlich eine Quelle, auf die in Elternabenden (wenn es wieder um facebook, etc.) geht verwiesen werden kann. (zur Website netzgemuese.com)

Mein Lieblingskapitel ist aus aktuellem Anlass das minecraft-Kapitel, daraus ein kleines Zitat: „… Und so bekamen wir Eltern eines Tages unser erstes virtuelles Geschenk. Es war schwer zu schätzen, wie viele Stunden Arbeit (ja, Arbeit – also das was ansonsten weder in der Schule noch im Haushalt besonders beliebt schien) in die beiden Projekte geflossen waren, die uns der Sohn präsentierte, doch es müssen einige gewesen sein. …“ (S. 213) Bei mir war es kein Weihnachts-, sondern ein Geburtstagsgeschenk - von beiden Jungs. Der Tisch steht jetzt in unserer Welt an zentralem Platz und bietet immer eine Gelegenheit für ein kleines Verweilen, wenn die echten Blumen schon längst verwelkt sind.

Und hier noch ein paar Links zu ausführlicheren Rezensionen, z.B. bei Indiskretion Ehrensache oder bei nics bloghaus.

Update 4.3.2012

TED-Talk von Jane McGonigal

veröffentlicht von Martin Kohlhaas am 05.02.2013

Feedback

  • Kommentar 1 von Martin (29.08.2013, 09:51)

    Artikel in ZEIT Online vom 29. August 2013 Mit "World of Warcraft" die Welt verbessern, Online-Spieler könnten künftig dem Katastrophenschutz zuarbeiten. Sie sollen Fotos aus Erdbebengebieten innerhalb von Games analysieren, dafür bekämen sie dann Prämien. Von Giuseppe Paletta
    www.zeit.de [extern]
  • Kommentar 2 von Martin (26.03.2013, 14:25)

    Und auch bei den Klassikern kommt man am Spielen nicht vorbei: „Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt“, meinte schon Schiller in „Über die ästhetische Erziehung des Menschen“.
  • Kommentar 3 von Martin (07.03.2013, 08:50)

    Zum Thema „gamen hilft die Welt zu retten“ hier ein Beispiel aus der Hirnforschung: www.npr.org [extern]

    Bei eyewire.org [extern] geht es darum, in medizinischem Bildmaterial des Gehirns Bereiche farblich zu markieren. Für den spielenden Laien geht es darum einer AI zu helfen, Bildbereiche richtig zu markieren. Dazu kann man seine Bildebene in einem 3D-Würfel frei verschieben und den Würfel mit dem markierten Bereich drehen. Es gibt ein cooles System, seine eigene Arbeit zu beurteilen, um die Erkennungsleistung zu verbessern und seinen „Score“ zu erhöhen. So, jetzt muss ich nur noch einen weiteren cube markieren …
  • Kommentar 4 von Martin (08.03.2013, 08:01)

    Spielerisch die Welt verbessern? An der Bauhaus-Universität Weimar gab es dazu 2012 eine Studienarbeit von Felix Großmann mit dem Titel „Capturing Sheep With Minecraft“. Es ging darum, auszuloten, wie bauphysikalische Prinzipien in die Spielewelt von minecraft integriert werden könnten, durch Rezepte für Dämmstoffe zum Beispiel oder Regeln, wie diese zusätzlichen Baumaterialien einzusetzen sind, oder welche Achievments diese erzeugen, um positives bauphysikalisches Verhalten zu fördern. Hier der Link zum Eintrag in der Uni-Bibliothek, wo man sich die Arbeit im Volltext herunterladen kann: e-pub.uni-weimar.de [extern]

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