„Verdammt, die Welt geht wirklich unter“

Die Erkenntnis sickert langsam durch. Diesmal hat es Raphael Thelen erwischt, der seine Gewahrwerdung auf T-Online publiziert hat.

Symbolbild Presseschau · Bild: Martin Kohlhaas
Symbolbild Presseschau · Bild: Martin Kohlhaas

Der Essay erschien am 21.07.2019 und wird in meiner Twitter-Timeline hoch- und runter verlinkt. Die Quelle T-Online mach Hoffnung, dass die Reichweite auch andere Blasen erreicht.

In unserer durch Medien geprägten Welt habe wir „alles“ schon gesehen. Scheinbar jede Art des Weltuntergangs wurde bereits von Emmerich und Co. verfilmt. Wir haben alle Dystopien schon in Büchern durchgespielt.

Was im Moment passiert kommt mir so vor, wie der Moment, wenn man sich mit dem Hammer auf den Finger haut. Wie, wenn man sich beim Kochen schneidet. Wie, wenn man doch an den zu hei0en Topf gefasst hat. „Es tut ja doch weh!“ „Es blutet ja echt!“ „Das ist ja wirklich heiß!“ Wir machen wieder Realitätserfahrungen und - siehe Thelen - stellen fest, dass die echten Dystopien ganz trocken als wissenschaftliche Aufsätze ohne CGI daherkommen. Diese Verbindung zwischen der „Theorie“ auf der einen Seite und den Bildern auf der anderen haben wir noch nicht hergestellt. Die Katastrophe hat für uns die Gesichter von Bruce Willis, Brad Pit oder Jake Gyllenhaal. Den Filmdreck, das Filmblut und die Special Effects projizieren wir auf die Bilder von Waldbränden oder ertrunkenen Geflüchteten - nicht wirklich.
Die Katastrophe ist schön. So ein Gletschersee oder Schlittenhunde, die über Wasser laufen sind vor allem eines: fotogen. Wir bringen das nicht mit uns zusammen. Wir müssen diese Bilder zu unserer Realität machen. „Ja, das brennt wirklich!“ „Ja, das schmilzt wirklich!“ „Ja, diese Hitzewellen sind nicht lebenswert!“ „Ja, die Dürre macht unsere Landwirtschaft, unsere Wälder kaputt!“

Meine Eltern sind kurz nach dem zweiten Weltkrieg geboren. Die Umstände waren zu Beginn scheiße aber für den Rest des Lebens wurde alles immer besser. Meine Generation hat es bis jetzt „schön“ aber unsere Prognose ist Scheiße. Ich würde das nicht als die bessere Wahl bezeichnen - vor allem mit Blick auf unsere Kinder. Ich kann diesen „Wohlstand“ nicht mehr genießen. Er ist Fake. Ein Kartenhaus, durch das nur noch nicht der richtige Windstoß fuhr.

Das Mantra „Wir können jetzt noch etwas tun“ macht sich fest an des Prognoselinien zur Erreichung des 1,5°-Ziels die sich stetig dem Lot nähern (Grafik: IPCC carbon emission pathway to limit warming to 1.5 degrees). Die Beschreibungen der notwendigen Anstrengungen für einen gesellschaftlichen Umbau erreichen momentan ebenfalls filmische Dimensionen um den Bogen zum Anfang wieder zu schließen. Ein Marschallplan für das Klima, Anstrengungen wie vor der Mondlandung usw. werden als notwendig aufgerufen.

Cut. Das Messer ist durch den Finger gegangen. Wir haben den Schnitt schon gesehen und die ersten Blutstropfen. Der Schock unterdrückt noch den Schmerz. Gleich wird es schlimm aber wir sind noch nicht auf dem Weg, das Pflaster zu holen.
Die Klimakrise geht nicht weg. Sie ist kein Film, den wir abschalten können, kein Buch, was irgendwann ausgelesen ist (oder weggelegt werden kann, wenn es zu unangenehm wird). Das ist die Perspektive eines privilegierten Mittvierzigers - Weltschmerz aber auf solider Grundlage.

Für einen Achtzehnjährigen sieht die Perspektive wohl anders aus. Greta Thunberg hat in ihrer wieder sehr präzisen Rede in Berlin am 19.7. um Hilfe gebeten. „We cannot do this alone. We beg you for help.“. Unsere Kinder brauchen uns. Diesmal nicht für Hausaufgaben, Liebeskummer oder einen Umzug.

Wir werden gebeten – an jedem Freitag – den in der Politik Verantwortlichen zu zeigen, dass Sie handeln müssen aber speziell und nochmal mit Nachdruck in der Aktionswoche vom 20. bis 27. September zu weltweiten Klimademonstrationen. Lassen wir sie nicht allein. Nebenbei ist das die größte Selbsthilfegruppe zum Ertragen all der frustrierenden Nachrichten.

veröffentlicht von Martin Kohlhaas am 23.07.2019

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