Gartenbild März 2012, Foto: Martin Kohlhaas
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Wir müssen das Vertrauen verlernen

Die Annahme, dass Software gut ist und man sie immer folgenlos installieren kann, ist falsch.

Zwei Anekdoten aus dem Urlaub: Kind 1 versucht seit Tagen seine Musikbibliothek aufzuräumen, Alben zu sortieren usw. (ein Vorhaben, welches ich schon seit längerem Aufgegeben habe) - doch iTunes ist zickig. Benennt man die Dateien auf der Platte um und hat sie dort alle schön geordnet und zieht sie dann wieder ins itunes, dann wird alles wieder geändert (man muss eben wissen um die Hintergründe von id3-Tags vs. Dateinamen und die Konsequenzen, wenn man itunes seine Bibliothek selbst verwalten lässt). Das Vertrauen, das die Software schon im Sinne des Anwenders arbeitet ist eben falsch, da man nicht weiß, was die Entwickler für Anwendungsfälle im Sinn hatten und ob diese mit den eigenen Anwendungsfällen übereinstimmen.

Anekdote zwei von Kind 2: Es gibt einen Game-Boy-Emulator für iOS, mit dem man Pokemon und Mario Kart und die anderen Klassiker auf dem iPod spielen kann. Die Software gibt es nicht über den offiziellen App-Store, sondern wird über eine Website runtergeladen. Um sie zum Laufen zu bringen, muss man sein Systemdatum zurücksetzen auf irgendwas vor 2012. Daraufhin gehen dann bestimmte Websites nicht mehr (alle mit https-Zertifikaten) und alle Dienste, die an die Apple-ID gekoppelt sind. Auch hier wieder Frust, ewige Fehlersuche (man denkt ja nicht an das Datum) und das Grundproblem, das man auf die Richtigkeit der Anweisungen für die Installation vertraut.

Jetzt ist es einfach, sich über die Kinder lustig zu machen, doch wie oft hat man selbst schon mal eben schnell eine App installiert, ein kleines Spiel weil es auf twitter jemand gepostet hat – immer ohne die Folgen zu kennen – wir vertrauen einfach darauf, das schon alles gut ist.

In Zeiten der Totalüberwachung müssen wir aber diesen vertrauensseligen Umgang mit Software ändern. Wir müssen leider grundsätzlich davon ausgehen, dass es eben nicht gut ist, dass wir uns Spähsoftware auf das Gerät laden, dass jedes neue Programm mindestens ein neues Sicherheitsrisiko darstellt.

Was ist also zu tun?

  • Wir müssen von „EarlyAdoptern“ zu „DoubleCheckern“ werden. Vor der Installation von irgendwas also in die Foren gehen und gucken, ob es dort schon Berichte gibt. Wenn nicht, dann ist es eben zu früh für eine Installation.
  • Wir müssen die Hypes aussitzen lernen, einfach mal ignorieren, was alle toll finden und abwarten. Wir brauchen nicht alles sofort und überall.
  • Wir müssen wieder trennen lernen zwischen tatsächlichen Bedürfnissen an wichtigen, notwendigen Werkzeugen und schneller Triebbefriedigung durch App-Happen.

Vielleicht ist das Werkzeug-Bild gar nicht so schlecht. Wie in der Werkstatt müssen wir unseren Werkzeugkasten immer mal wieder aufräumen. Was bleibt sind Hammer, Säge, Zange und Zollstock. Auf den bunten Plastekram aus der Krabbelkiste des Baumarktes haben wir als Heimwerker mit Erfahrung ja auch verzichten gelernt.

Ich glaube, dass dieses Misstrauen gegenüber Software notwendig ist. Ich frage mich, ob es notwendig ist, dieses auf weitere Teile von „Technik“ auszudehnen. Und ich frage mich, was das für Auswirkungen auf das Vertrauen zu Menschen hat.

veröffentlicht von Martin Kohlhaas am 09.08.2014

Feedback

  • 1
    Holger R am 11.08.2014, 01:22: Hmm, Martin. Das mit dem Vertrauen ist sicher so ein Aspekt, aber das Problem sitzt doch etwas tiefer. Wenn Du Dich mit "Leib und Seele" einer Firma (und einem Betriebssystem) verschrieben hast, dann musst Du halt auch innerhalb dieser Grenzen informationstechnisch leben. Der Quasi-Faustsche Deal war: Du kriegst was Schickes aus einem Guss (war fueher sogar zum Angeben geeignet), weisst damit auch gleich was chic und haesslich ist und hast was, was (zumindest wahrgenommen) weniger Frustration erzeugt als andere offene oder geschlossene Welten. Dafuer delegierst Du Kontrolle und Selbstbestimmung an diese Firma ab. Deal ist Deal.
    Wenn Du jetzt anfaengst, Deinen eigenen Willen durchsetzen zu wollen (bei iTunes oder sonstwo) dann verstoesst Du gegen den Deal.
    Ich weiss, ist vielleicht ein bisschen zu simpel dargestellt, aber Du verstehst, was ich meine. (Und nein, ich denke nicht, dass Du jetzt "Deine" Firma verteidigen musst/solltest. Und auch nein, ich habe auch keine ultimative Loesung anzubieten.)
    Am Ende geht's hier eher um Bildung und Ausbildung. Wir muessen lernen, wirklich informierte Entscheidungen zu treffen, bei der Installation von neuen Apps im speziellen wie auch bei der Nutzung der Technologien im allgemeinen.
    My 2 Cents.
  • 2
    Martin am 11.08.2014, 17:31: Danke Holger für Deinen Kommentar. „Wir muessen lernen, wirklich informierte Entscheidungen zu treffen …“ - genau, das meine ich und die Selbstkritik hast Du sicherlich bemerkt - ich schließe mich bei Vertrauensseligkeit ja gerade mit ein.

    Ich glaube wir haben im Verhältnis zur Technik einen Einstellungswechsel zu vollziehen und da sehe ich die Grenze zwischen „dummer“ Technik und „smarter“ Technik. Wenn ich einen Hammer in der Hand halte, dann liegt seine Funktion offen vor mir. „Smarte“ Geräte bilden zwischen Eingabe und Ausgabe aber Blackboxes, die uns keinen Einblick in die dazwischen liegenden Abläufe geben.

    Wir müssen jetzt lernen, den Kompromiss zu finden, wann wir mit den Blackboxes leben können (z.B. Waschmaschine) und wann wir Intransparenz nicht akzeptieren wollen (z.B. ungewollte Datenerfassung/-sendung im Smartphone). Auf jeden Fall müssen wir da ganz weit aus unserer Bequemlichkeitszone raus.

  • 3
    Holger R am 12.08.2014, 00:39: Wie haben vor kurzem einen VW Passat (gebraucht) gekauft. Mit Allradantrieb, da das hier im Winter und auch in den Bergen sehr sinnvoll ist. Allerdings ist das ein "4matic", d.h. der Allradantrieb schlatet sich automatisch zu. Ich kann ihn also weder manuell einschalten, noch sehe ich, ob er ueberhaupt angeschaltet ist. Ich weiss noch nichtmal. nach welchen Kriterien sich der Antrieb ein- und wieder ausschaltet. Sehr unbefriedigend. Vielleicht sollte mein naechstes Auto doch eher ein Lada Niva werden, den kann man mit ein wenig Ausbildung noch selber verstehen und reparieren.
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    Nach welchen Kriterien praesentiert Google seine Wahrheit (= erste 10 Hits)? Wie kann ich verhindern oder steuern dass meine Suchergebnisse personalisiert sind? Warum hat Meyer andere Suchergebnisse als Mueller und wie kommen die zustande? Wie und wo speichert Google meine Emails? Was macht Google mit den Emails und Google docs etc. von all den Schulen, Aemtern, Krankenhaeusern, Vereinen, ...?
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    Facebook, Twitter, Whatsapp, iTunes, Amazon, Cloud services, single sign-on, apple id, New World supermarket club card, Skype, youtube, office card access, cctv, smart meter, ...
    Die Suche nach den neuen Haemmern ist eroeffnet.
  • 4
    Martin am 13.08.2014, 09:58: Ja da gibt es eine Menge Neues zu lernen. Übrigens nach Lada Niva hatte ich aus gleichen Gründen auch schon länger recherchiert. Die sind halt leider nicht auf lange Haltbarkeit gebaut.
  • 5

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